Winter 1956, Schnee in Saint Tropez

Endlich ist die „Eiszeit“ in der Provence vorbei. Temperaturen um 10 Grad unter Null und ein kräftiger Mistral haben ihre Spuren hinterlassen.

Anfang Februar hatte Nachbar Jaques, unser privater Wetterprophet, noch vor einem Wintereinbruch gewarnt. Zwar waren die Temperaturen bis dahin, selbst für die Provence, zu warm. Ausgerechnet zu „La Chandeleur“ rutschte das Thermometer aber ab auf den Gefrierpunkt. Was in den folgenden zwei Wochen folgte, kann durchaus als harter (wenn auch kurzer) Winter bezeichnet werden:

Zunächst kündete Jacques an, dass es mit seiner Gemüseproduktion jetzt leider zu Ende gehe. Der Boden sei angefroren, und ab morgen habe er auch keine Lust  mehr, frierend auf dem Feld zu stehen. Denn jetzt komme ein übler Mistral hinzu.

Viel war davon eigentlich noch nicht zu merken. Doch auf der Rückkehr von einer Einladung am folgenden Abend bereute man bereits, keine Handschuhe dabei zu haben. Die Finger wurden mehr als nur kalt.

In der Nacht begann der Mistral, an allen möglichen Ecken und Winkeln des Hauses zu pfeifen. Die Dachbalken knarrten, als würden sie gerade gefrieren. Und beim Aufklappen der Fensterläden am folgenden Morgen riss der Wind mir diese fast aus der Hand; bei einer Geschwindigkeit von über 110 km/h kein Wunder.

Anfang der zweiten Februarwoche verkündeten dann die Wetternachrichten im Radio, dass oberhalb von Apt viel Schnee gefallen sei – über zehn Zentimeter! Deshalb und wegen der großen Kälte werde die Schule in den nächsten Tagen geschlossen. Uns wintererprobten Deutschen rang diese Mitteilung noch ein Schmunzeln ab. Denn das Thermometer zeigte, im Windschatten, nur wenige Grad unter Null. Und so gewaltig waren Kälte und Schneemenge ja nun doch nicht.

Allerdings kam Jacques einige Stunden später fluchend von seiner Parzelle zurück. Seine Jungpflanzen habe er noch winterfest einpacken wollen, doch das sei bereits zu spät gewesen. Der Feldsalat – erfroren. Seine „Mangetout“ (die Zuckerschoten) ebenfalls steif gefroren. Alle Setzlinge, deren Köpfe schon aus der Erde gezeigt hätten, habe er direkt abbrechen können. Und vor allen Dingen: Sein Cabanon, das Gerätehäuschen. Vom Mistral völlig zerlegt und „perdu“. Zwei Seitenwände habe er noch auf dem Nachbargrundstück entdeckt, das Dach sei aber verschwunden. Einfach weggeweht, unauffindbar.

 Er befürchte jetzt, dass alles so komme wie im
 Febraur 1956. Die große Kälte...
 Als die Brunnen bei unter 20 Grad eingefroren und
 sogar die meisten der Olivenbäume erfroren seien.
 Damals habe ganz Frankreich unter einer außer-
 ordentlichen Kältewelle gelitten. Und in der
 Provence sei der Frost (weil die meisten der 
 Häuser über keine richtige Heizung verfügen)
 besonders schlimm gewesen.

Wie stark der Mistral jetzt wehe, könne man ja sogar an unserer Heizung sehen!!
„An unserer Heizung?“

Triumphierend zeigte Jacques auf das Abluftrohr der Gastherme zur Straße – und tatsächlich: Dort hat sich seit gestern vom Kondenswasser ein großer Eiszapfen gebildet. Völlig schief und vom Wind geformt.

In den nächsten Tagen häuften sich die Katastrophenmeldungen:

Freunde im Dorf beklagten, dass sie überhaupt kein Wasser mehr hätten. In der vergangenen Woche seien die Wasseruhren aller Häuser ihrer Straße nach außen verlegt worden, um die Ablesung zu erleichtern. Das zuständige Unternehmen habe die Arbeiten aber noch nicht abgeschlossen – und nun seien die offen liegenden Zuleitungen gefroren. Möglicherweise solle morgen jemand kommen, um die Rohre aufzutauen,aber das sei nicht sicher...

Wie wir später hörten, zog sich dieser Zustand noch drei Tage hin. Bis einige Monteure mit Gasbrennern gekommen seien, um die ganze Leitung aufzutauen. Und die Rohre - jedenfalls provisorisch - abzudecken.

Immerhin war das eine Erklärund für die merkwürdigen Telefonanrufe von „Suez“, unserem Wasserversorger, während der vergangenen beiden Tage. Mitgeteilt wurde dabei, es könne in den nächsten Tagen vermehrt zu Störungen der Wasserver-sorgung kommen. Dann möge man doch erst einmal selbst tätig werden – nämlich die Wasseruhr von der Leitung aufschrauben. Und nachsehen, ob dort nicht ein Eispfropfen festsitze. Wenn ja, solle die Verschraubung wieder zugezogen und ein Föhn benutzt werden, um diesen Pfropfen aufzutauen. Alternativ könne auch eine Wärmflasche auf das Rohr und den Wasserzähler gelegt werden...

Französischen Unternehmen zur Wasserversorgung trauen ihren Kunden also einige Tätigkeiten zu, die in Deutschland undenkbar wären. Einfach die dicke Überwurfmutter des Rohres zum Wasserzähler lösen?! Dazu bedarf es schon einer besonderen Zange. Und einiger Tollkühnheit..

Aber der Franzose ist ja ein leidenschaftlicher Heimwerker. Also wird von ihm wird offenbar erwartet, dass er sich mit Werkzeugen bestens gerüstet hat.

Wie viele Leute hier in den folgenden Tagen mit einem Föhn in der Hand auf der Straße ihre Wasserleitungen angeblasen haben, wissen wir nicht. Auch nicht, was eigentlich passiert, wenn die Leitung beim Lösen der Überwurfmutter durch keinen Eispfropfen (mehr) verstopft wird – sondern das Wasser munter heraussprudelt.   

Kurz darauf gab es im Radio eine weitere Mitteilung an die Haushalte. Dass nämlich wegen der zunehmenden und andauernden Kälte bereits einige Abwasserleitungen der Hausanschlüsse gefroren seinen. Und die jeweiligen Bewohner dann bitte keinen Nachschub mehr produzieren sollten. Ob auch in diesen Fällen mit einem Föhn vielleicht Abhilfe möglich sein sollte, wurde leider nicht erwähnt.

Von derartigen Übeln sind wir glücklicherweise verschont geblieben. Allerdings war es fast schon gruselig, in diesen Tagen mit dem Auto über Landstraßen zu fahren. Durchgefrorene Böden der Äcker, von denen der scharfe Mistral dennoch die oberste Schicht wegwehen konnte. Nachdem er sie staubtrocken geblasen hatte. Das sah manchmal aus, als werde dunkler Sand in großen Wolken quer über die Straße geweht. Bei eingeschalteter Lüftung des Wagens ließ sich sogar der Ackerboden „schmecken“.

Glücklicherweise hielt der Spuk nicht länger als zwei Wochen an. Der Winter ist so plötzlich vorbei, wie der Frost gekommen war. Ohne Folgen?

Nicht ganz. Denn plötzlich bildete sich, mit einsetzendem Tauwetter, auch unter dem Kasten unseres Wasserzählers am Haus eine Pfütze. Wie sich zeigt, hat das Kunststoffgehäuse des Zählers einen Riss bekommen, und dort rinnt es munter heraus. Glücklicherweise waird auch daraus kein wirkliches Problem - ein einziger Anruf bei „Suez“ reichte aus, und wenige Stunden später war von dort ein neuer Zähler installiert.

Leider wird es allerdings nichts mehr werden mit der Mimosenblüte im Dorf. Die schönen gelben Triebe hatten sich bei der warmen Witterung im Januar wohl schon zu weit hinaus gewagt – und hängen nun wie gefriergetrocknet an den Zweigen. Dafür sprießen aber die Knospen vieler anderer Pflanzen um so kräftiger.

Und selbst unser guter Jaques hat soeben eine Tüte mit Lauchstangen von seiner Parzelle vorbei gebracht. Die hätten den Frost doch überstanden, verkündet er stolz. Und auch der „Choux de Bruxelles“. Nur mit Salat sehe es jetzt ganz schlecht aus. Fast sei es eben doch so gewesen wie 1956.


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